Jahresbericht 2016: Aktuelle Entwicklung der Waldorfpädagogik im neuen Lehrplan sichtbar

Aus der breiten Fächerung der Aufgabenstellungen und Projekte der Pädagogischen Forschungsstelle soll in diesem Bericht auf drei ausgewählte Projekte näher eingegangen werden: das Graduiertenkolleg, das Handbuch Waldorfpädagogik und  Erziehungswissenschaft und die Überarbeitung des Waldorf-Lehrplans, der als „Richter-Lehrplan“ bekannt ist.

Das Graduiertenkolleg hat inzwischen seine Arbeit aufgenommen. Aus einer Vielzahl von Bewerbern konnten bis jetzt vier Stipendiaten ausgewählt werden, bei weiteren läuft das Bewerbungsverfahren noch. Die Forschungsthemen sind sehr breit gefächert, sie reichen von „Theorie und Bildung der pädagogischen Intuition“, über zwei Themen aus dem Bereich der Oberstufe und des Literaturunterrichts bis hin zu einer Arbeit im Bereich Kleinkindpädagogik.

Weiterhin wurde auch schon mit dem Studienprogramm begonnen, das die Stipendiaten ergänzend zu ihren Forschungsarbeiten besuchen. Bis November 2017 sind sieben Kolloquien für die Graduierten geplant, von denen das erste zum Thema „Geist, Gehirn und Intuition“ schon stattgefunden hat. Die Kolloquien dienen einerseits der Vernetzung der Graduierten untereinander, aber vor allem auch der Horizonterweiterung. Waldorfpädagogik und Anthroposophie sind die zentralen Themenbereiche. Weiterhin findet über die Förderung dieser Forschungsarbeiten eine Vernetzung der Hochschulen statt, denn nur eine Stipendiatin wird direkt von der Alanus Hochschule betreut, die anderen promovieren an öffentlichen Hochschulen.

Inzwischen sind auch die Arbeiten am Handbuch Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft abgeschlossen. Das Buch mit einem Umfang von etwa 1100 Seiten wird Mitte Oktober im Beltz-Juventa Verlag erscheinen.  Im Rahmen einer großen Tagung „Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft“ vom 20. – 22. Oktober 2016 wird es der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Projekt, ursprünglich initiiert von Walter Riethmüller (Hochschule Stuttgart) und Jost Schieren (Alanus Hochschule), der jetzt als Herausgeber fungiert, hat die letzten knapp fünf Jahre viele Kollegen im Rahmen der Forschungsstelle intensiv beschäftigt. In 10 Kolloquien und persönlichen Forschungsarbeiten wurden die Themenbereiche der Erziehungswissenschaften untersucht mit dem Ziel, die Anschlussfähigkeit von Fragestellungen der Waldorfpädagogik zu prüfen und darzustellen.

Nach dem umfassenden Doppelwerk von Volker Frielingsdorf Waldorfpädagogik Kontrovers und Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft – ein Überblick aus dem Jahr 2012, das die Entwicklung des Dialogs mit der Erziehungswissenschaft beschreibt, wurden in dem neuen Werk vor allem theoretische Grundlagen im wissenschaftlichen Kontext eingearbeitet. Damit trägt das Buch auch den vorgebrachten Kritiken an der Waldorfpädagogik Rechnung. Seit Jahren gibt es einen Austausch eines Kreises von Waldorfpädagogen mit interessierten Erziehungswissenschaftlern, der auf gegenseitiger Wertschätzung beruht. Das Bild, das man voneinander hat und die Reaktionen sind heute viel differenzierter, als sie es vor zehn Jahren noch waren.

Trotzdem stellt die Arbeit an dem neuen Buch nur einen Zwischenschritt dar. Es zeigt sich, dass es von Seiten der Waldorfpädagogik keinen ausreichenden Pool an Wissenschaftlern gibt, die – mit entsprechender Zeit und finanziellen Mitteln ausgestattet –  wirklich wissenschaftlich arbeiten können. Aus der Sicht der Pädagogischen Forschungsstelle sind dafür zwei Gründe ausschlaggebend: Es gibt zu wenig wissenschaftlichen Nachwuchs in der Waldorfschulbewegung. Wenn man einmal in einer Waldorfschule Fuß gefasst und die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen schätzen gelernt hat, wechselt man nicht gerne in die Forschung.

Zum zweiten wird die Finanzierung von Forschung fast ausschließlich durch die in den Schulen selbst akquirierten Mittel getragen. Es gibt zwar inzwischen zwei Hochschulen, in denen Lehrerausbildung und Forschung betrieben werden, aber auch hier sind die Forschungsmittel im Vergleich zu den Mitteln öffentlicher Forschungseinrichtungen äußerst gering. Das oben beschriebene Graduiertenkolleg kann ein erster Schritt sein, dem beschriebenen Notstand abzuhelfen.

Die Überarbeitung von Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule (herausgegeben durch Tobias Richter) wurde abgeschlossen. Letztlich waren ca. 80 Autoren an der Entstehung der teilweise ganz neuen, teilweise grundlegend überarbeiteten Texte beteiligt. 100 Seiten sind zusätzlich entstanden, so dass das Werk jetzt ca. 700 Seiten umfasst.

Bei der Überarbeitung wurde darauf Wert gelegt, den Umfang so wenig wie möglich zu vergrößern z. B. durch die Einführung von sog. Gestaltungsfeldern. Das sind Fächer, die entweder selten oder sehr unterschiedlich an den Schulen realisiert werden. Über diese Fächer findet sich nur ein kurzer Abriss im Buch. Weitere Ausführungen können im entsprechenden Abschnitt der Homepage der Pädagogischen Forschungsstelle nachgelesen werden. (siehe unten) Im Gegenzug dazu wurden etablierte Fächer teilweise ausführlicher dargestellt als in der alten Ausgabe. Dazu gehören z. B. Sozialkunde und der Fachbereich Technologie – Computerkunde. Dem Kapitel zur Eurythmie wurde mehr Raum gegeben, da dieses Fach nicht über den gleichen Bekanntheitsgrad verfügt, wie diejenigen Fächer, die auch an staatlichen Schulen unterrichtet werden. An verschiedenen, Stellen wird dezidiert darauf hingewiesen, dass der Lehrplan keinen Vorschriftcharakter haben soll. Häufig wird ein Spektrum von Unterrichtsinhalten darstellt, die mit der altersgemäßen Entwicklung der Schülerinnen und Schüler korrespondieren. Aus ihm kann der Lehrer dann auswählen, was für seine Klasse geeignet erscheint.

Insgesamt kann der überarbeitete Lehrplan als eine Zeitaufnahme dessen angesehen werden, was sich im Fächerkanon der Waldorfschulen aktuell etabliert hat. Um auf Entwicklungen in der Zukunft eingehen zu können, wurden zum Buch auch Inhalte im Internet bereitgestellt. Mit einem vierstelligen Code gelangt der Lehrplanleser oder die Lehrplanleserin über www.lehrplan-waldorf.de zu den ergänzenden Inhalten auf der Homepage. Zu jedem Fach wird hier – ständig aktualisiert – weiterführende Literatur vorgestellt, es werden etablierte Alternativen zu den Ausführungen im Buch aufgezeigt oder andere inhaltliche Ergänzungen angeboten.

Die Projekte der Pädagogischen Forschungsstelle in den nächsten Jahren sollen – neben den Publikationen, die direkt die Arbeit an den Schulen unterstützen –  insbesondere Forschungsarbeiten dienen, in denen im Hinblick auf das 100-jährige Jubiläum der Waldorfpädagogik gearbeitet wird. Dabei geht es zum einen darum, die Geschichte der Waldorfpädagogik aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Außerdem wird an einer neuen Darstellung der pädagogischen Grundlagen gearbeitet, die Rudolf Steiner vor 100 Jahren mit seinen Vorträgen und Konferenzen in der ersten Waldorfschule gelegt hat.

Christian Boettger, Geschäftsführer beim BdFWS
Alexander Hassenstein, Mitarbeiter der Pädagogischen Forschungsstelle

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Jahresbericht 2015: Forschung im Dienst der Qualitätssicherung

Über 300 Forschungsprojekte sind von der Pädagogischen Forschungsstelle beim BdFWS in den letzten zehn Jahren an ihren beiden Standorten Stuttgart und Kassel betreut worden. Dies geht aus ihrem Tätigkeitsbericht hervor. (siehe auch Lehrerrundbrief Nr.102 vom März 2015) 

Die durchschnittliche Dauer der 318 Projekte lag danach bei rund 3,3 Jahren. Dabei gibt es Projekte, die nur wenige Monate in Anspruch genommen haben und andere, die über 10 Jahre gelaufen sind, ehe sie abgeschlossen wurden. Insgesamt kann man sieben verschiedene Typen von Projekten unterscheiden:

  • Reine Buchprojekte
  • Projekte mit methodisch didaktischen Themen
  • Empirische Forschung
  • Menschenkundliche Themen
  • Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaften
  • der eigene Unterricht
  • sonstige Forschungsthemen

Forschung zur Waldorfpädagogik ist ein ständig wachsendes Feld, es trägt zur Qualitätsentwicklung der Waldorfpädagogik bei und auch zur Öffentlichkeitsarbeit über Waldorfthemen.

Es hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass durch die wissenschaftlichen Anfragen eine deutliche Vertiefung vieler Themen erreicht werden konnte, die aber auch mit einer deutlichen Steigerung der einzusetzenden finanziellen Mittel Hand in Hand ging. Zusätzlich ist zu bemerken, dass Forschung zunehmend von den tätigen Lehrern nicht neben ihrer Unterrichtstätigkeit in der Freizeit möglich ist, sondern durch Teilfreistellungen oder Deputatserlass finanziert werden muss. Dies führt auch zu einem höheren finanziellen Aufwand. Deutlich wurde außerdem, dass in den letzten Jahren durch die Entwicklung der Hochschulen im Waldorfbereich zusätzliche Forschungsanfragen gestellt werden, die nicht allein durch die Schulbewegung finanziert werden können. In der Mitgliederversammlung im März 2015 wurde der Beitrag für die Forschungsstelle erstmals seit über 10 Jahren um einen Euro pro Schüler erhöht. Die Mitarbeiter der Forschungsstelle sind für diese Erhöhung sehr dankbar. Sie ermöglicht es, neben den Forschungsanstrengungen für das einhundertjährige Jubiläum der Waldorfschulen im Jahr 2019 weitere Forschungsprojekte zu fördern. 

Durch eine intensive Zusammenarbeit mit der Software AG Stiftung, der Alanus-Hochschule und der Hans Stockmar GmbH konnte jetzt die Einrichtung eines Graduiertenkollegs mit einer Fördersumme von zwei Millionen Euro erreicht werden. In der Presseerklärung zu diesem Projekt verdeutlichte Jost Schieren, Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Leiter des Graduiertenkollegs:

„National wie international steht die systematische Erforschung und innovative Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik aus. Das Graduiertenkolleg soll hierzu einen Beitrag leisten und ist damit als Meilenstein auf dem Weg der wissenschaftlichen Etablierung der Waldorfpädagogik zu betrachten.“ 

Zentrales Anliegen des Kollegs ist die systematische Erforschung und Weiterentwicklung der Waldorfpädagogik in Theorie und Praxis. Dazu bietet das Kolleg ein umfassendes Forschungs- und Qualifizierungsprogramm. Bis zu zehn Promotionsstipendien werden für einen Zeitraum von drei Jahren ausgeschrieben. Ein Kollegium mit  Betreuern der Doktoranden aus öffentlichen Hochschulen wurde bereits zusammengestellt, die ersten Stipendien sollen zum Frühjahr 2016 vergeben werden. 

Das große Projekt  einer Überarbeitung des Buches „Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule“ (herausgegeben durch Tobias Richter) konnte dank der Zusammenarbeit von über 80 tätigen Kollegen vorangebracht werden. Verantwortet wird die Arbeit von einer Gruppe, zu der Tobias Richter, Michael Zech, Claus Peter Röh, Alexander Hassenstein und Christian Boettger gehören. 

Das Erscheinungsbild der Pädagogischen Forschungsstelle hat sich im Laufe des Schuljahres 2014/15 deutlich verändert. Die neue Homepage (www.forschung-waldorf.de), die insbesondere Alexander Hassenstein entwickelt hat, ermöglicht es, alle Publikationen der Forschungsstelle gezielt zu suchen und eventuelle Ergänzungsliteratur oder Autoreninformationen zu beziehen. Die Homepage ist seit Anfang 2015 online und wird rege genutzt. Weiterhin können Forscher und Interessierte hier zeitnah Informationen zu allen laufenden und abgeschlossenen Projekten beziehen. 

Das Gesamtverzeichnis der Publikationen wurde vollkommen überarbeitet und neu gestaltet. Alle Neuerscheinungen erscheinen nun auf den ersten Seiten des Verzeichnisses mit einem ausführlicheren Text und einem Autorenporträt. 

Bei der Mitgliederversammlung im November 2014 wurde intensiv für die sogenannte „standing order“ geworben. Schulen, die hier einsteigen, erhalten die aktuellen Publikationen der Forschungsstelle direkt zugeschickt. Aus den Rückmeldungen, die uns bis jetzt erreicht haben, kann man eine hohe Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen in den Schulen ablesen, die auf diese Weise direkt sehen, welche neuen Bücher eventuell auch ihren Unterricht unterstützen könnten.

Aus den neuesten Produktionen des zurückliegenden Schuljahres seien zwei Bücher hervorgehoben: „Sein oder Nichtsein“ von Helga Daniel: und „Medien und Pädagogik“ von Prof. Edwin Hübner. Helga Daniel zeigt in diesem dritten Band zur pädagogischen Eurythmie ein umfassendes Bild der Jugendlichen der Oberstufe von der 9. bis 12. Klasse und beschreibt detailliert viele Unterrichtsbeispiele. Prof. Edwin Hübner legt mit seinem umfassenden Buch einen Lehrplan zur Medienkunde an Waldorfschulen vor.

Christian Boettger und Alexander Hassenstein, Pädagogische Forschungsstelle

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Jahresbericht 2014: Verstärkte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Die Forschungsaufgaben im BdFWS und in der Pädagogischen Forschungsstelle (PäFo) sind sehr breit gefächert. Neben vielen anderen Projekten haben der Vorstand und der Beirat der PäFo nun entschieden, ein Graduiertenkolleg einzurichten, das insbesondere das Ziel verfolgen soll, den wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich der Waldorfpädagogik zu sichern. Es ist geplant, das Kolleg im Lauf des Jahres 2015 zu starten, wenn alle organisatorischen und rechtlichen Fragen geklärt sind.

In den Berichten der letzten Jahre wurde insbesondere auf die erziehungswissenschaftliche Forschung geschaut. Hier sind im Rahmen der PäFo wegweisende Publikationen entstanden wie die Studie von Volker Frielingsdorf Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft (Beltz-Juventa Verlag 2012). In diesem Zusammenhang ist erneut über das laufende Projekt der Alanus-Hochschule zu berichten, das in Kooperation mit der Freien Hochschule Stuttgart unter der Federführung von Prof. Jost Schieren und Walter Riethmüller durchgeführt wird. Im Laufe des Jahres wurden drei Forschungskolloquien veranstaltet bei denen Ansätze für den Dialog mit der akademischen Erziehungswissenschaft erarbeitet wurden. Auch daraus soll eine Publikation entstehen. 

In diesem Bericht soll insbesondere ein Forschungsprojekt hervorgehoben werden, das direkt mit dem Unterricht zu tun hat. Die Studie mit dem Titel: Den eigenen Eurythmieunterricht erforschen wurde von Stefan Hasler und Charlotte Heinritz herausgegeben. Sieben erfahrene EurythmielehrerInnen haben in diesem Buch ihren eigenen Unterricht einer kritischen Analyse unterzogen und sich unter Anleitung eines Begleitteams Forschungsfragen gestellt, um mit diesem Ansatz ihren eigenen Unterricht weiterzuentwickeln.

In Buchbesprechungen wurde dieses Projekt als beispielhaft gewürdigt, Christof Wiechert schreibt zum Beispiel in der Info 3 von Juli/August 2014 dazu: „Wesentlich scheint mir zu sein, dass erfahrene Kollegen es wagen, die eigene Berufsausübung öffentlich infrage zu stellen und einen nachvollziehbaren Weg der Änderbarkeit einzuschlagen. Das verdient Hochachtung und macht diese Dokumentation bedeutend, zum Nachlesen wie auch als Anregung zum eigenen Forschen. Es ist eine moderne Haltung gegenüber dem Beruf: Identifikation und zugleich Wandelbarkeit. Das ist der Sinn der Praxisforschung – und ist Anthroposophie etwas anderes als Praxisforschung?“

Die von der PäFo geförderte Studie von Anne Abeler zur Schulverpflegung an Waldorfschulen war eines der Themen bei den Veranstaltungen des BdFWS auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2014. Diese Veranstaltungen werden immer in Kooperation mit dem Verlag Freies Geistesleben und dem INFO 3/Verlag organisiert. Sogar die Tageszeitung taz berichtete, veranlasst durch die Veranstaltung, sehr ausführlich über die Verpflegung an Waldorfschulen.

Zwei größere Projekte haben die Mitarbeiter der Forschungsstelle in Stuttgart beschäftigt: die Überarbeitung des „Waldorflehrplans“ und die neue Homepage der PäFo. Seit Herbst 2013 wird intensiv an einer Überarbeitung des Buches Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele – vom Lehrplan der Waldorfschule (herausgegeben durch Tobias Richter) gearbeitet. Eine kleine Steuerungs- und Verantwortungsgruppe bestehend aus Claus Peter Röh, Michael Zech, Alexander Hassenstein, Christian Boettger und Tobias Richter wurde gebildet. Sie erstellte zunächst eine Übersicht der zu überarbeitenden Kapitel und suchte Autoren für die einzelnen Fachbereiche. Dann wurden Hinweise und Richtlinien für die Überarbeitung ausgearbeitet, damit das Gesamtwerk eine übersichtlichere und einheitlichere Form bekommen kann. Diese große Überarbeitung des „Waldorf-Lehrplans“ war fällig, weil nach der dritten Auflage in einer kaum überarbeiteten Fassung einige Bereiche nicht mehr der gelebten Praxis entsprechen.

Sowohl die Verantwortungsgruppe als auch der Herausgeber Tobias Richter sind sich im Klaren darüber, dass die Gefahr besteht, dass eine solche Publikation immer wieder wie ein normatives Werk verstanden wird. Dieses soll es aber ausdrücklich nicht sein. Nur auf der Basis der eigenen Autonomie und Verantwortung werden WaldorflehrerInnen ihren Stoff immer wieder neu schöpfen und Kinder und Jugendliche zu einem Weltinteresse anregen können. Die Sammlung versteht sich so als Angebot und Austausch von möglichen Unterrichtsthemen, die sich bewährt haben.

Neben dem „Lehrplan“ in Buchform wird es auf der neu gestalteten Homepage der PäFo aktuelle Publikationen zu den einzelnen Fächern und Kapiteln, Fortbildungsangebote und teilweise auch Unterrichtskonzepte oder Diskussions- und Austauschforen geben. Über einen einfachen Zahlencode soll das Buch- mit dem Internetangebot verlinkt werden. Das PäFo-Team beabsichtigt, das Buchangebot so aktueller zu halten und vor allem die in den Schulen arbeitenden KollegInnen mit zusätzlichem Material unterstützen zu können. Dazu ist auch eine intensive Zusammenarbeit mit der Plattform für die internationale Schulbewegung der Pädagogischen Sektion (www.waldorf-resources.org) vereinbart.

Außerdem wird es auf der neuen Homepage (www.forschung-waldorf.de), die insbesondere von Alexander Hassenstein entwickelt wurde, zeitnah Informationen zu allen laufenden und abgeschlossenen Projekten und zu den Publikationen der Forschungsstelle geben.

Christian Boettger, Geschäftsführer der Pädagogischen Forschungsstelle

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Jahresbericht 2013: Forschung blickt auf „100 Jahre Waldorfpädagogik“

Dialog und Forschung über Waldorfpädagogik zu fördern, ist eine der Aufgaben der Pädagogischen Forschungsstelle (PäFo) beim BdFWS. Dazu werden Bücher herausgegeben und Forschungsprojekte unterstützt, die unmittelbar den Waldorfschulen und ihren Lehrern  zugutekommen. 50 solcher Projekte werden jährlich bearbeitet, die Hälfte davon mündet in Buchpublikationen. Außerdem unterstützt und veranstaltet die PäFo Fortbildungsveranstaltungen für Waldorflehrer und gibt Materialien für die Unterrichtsvorbereitung heraus.

Ein Beispiel für ein gefördertes Werk, das derzeit auf viel positive Resonanz stößt, ist das Buch von Dr. Volker Frielingsdorf  Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft, das im Herbst 2012 im Beltz Juventa Verlag  erschienen ist. Derselbe Autor hatte im Frühjahr zuvor dort auch den Reader Waldorfpädagogik kontrovers  herausgebracht. Dr. Gerhard Herz schreibt in seiner detaillierten und profunden Rezension dazu: 

„So kann man dieses Buch auch als eine Geschichte der Waldorfpädagogik bzw. der Auseinandersetzung um ihr Konzept lesen, als eine spannende Darstellung der Vielfalt, der Fruchtbarkeit und der Entwicklungslinien dieses pädagogischen Konzepts. Für alle, die beruflich mit der Situation dieses Ansatzes innerhalb der Pädagogik zu tun haben, Lehrende und Forschende in den Lehrerseminaren und anthroposophischen Hochschulen, vor allem aber in den erziehungswissenschaftlichen Fakultäten, gehört es zur Pflichtlektüre, weil es eine so umfassende Sammlung und Aufarbeitung der Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft bisher nicht gab. Darauf kann der nötige Dialog zwischen Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaft aufbauen und sie kann ein fruchtbarer Ausgangspunkt für zukünftige Forschung sein.“

Das Buch wurde als Forschungsprojekt insbesondere durch die Initiative von Prof. Wenzel Götte auf den Weg gebracht. Es dient weniger dazu, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern soll mithelfen, Brücken zu bauen und die Waldorfpädagogik anregen, verstärkt an ihrem Profil zu arbeiten. Dies wird auch von Gerhard Herz angemerkt, wenn er schreibt:

„Aus Frielingsdorfs Arbeit kann man die Folgerung ziehen, dass eher eine Phase verstärkter Profilbildung ansteht, in der sich zeigen kann, ob es sich wirklich nur um ein Spielart der Reformpädagogik handelt und damit ein nettes Nischenprodukt ist oder ob nicht das, was Steiner für den Lehrplan wünschte, dass er für jedes Kind originär geschöpft wird, auch hier noch aussteht, weil sich die einerseits beschworenen, andererseits als unwissenschaftlich belächelten Kräfte der pädagogischen Imagination, Inspiration und Intuition als fruchtbar erweisen.“

In mehreren Vorträgen insbesondere an der Alanus Hochschule und der Stuttgarter Hochschule konnte Frielingsdorf die Ergebnisse seiner Forschungen über den manchmal schwierigen Dialog zwischen Vertretern der Erziehungswissenschaften mit der Waldorfpädagogik vor Studenten darstellen. Gerade für die Studierenden ist das Buch von besonderem Wert, da seine klare Gliederung den schnellen Zugriff auf spezielle Fragestellungen ermöglicht.

Ein großer Schwerpunkt der Forschungsstelle lag in der Fortsetzung des Projekts von Prof. Jost Schieren (Alanus Hochschule) und Walter Riethmüller (Seminar für Waldorfpädagogik Berlin). Hier wird in Forschungskolloquien an Ansätzen für einen fruchtbaren Dialog mit den Erziehungswissenschaften auf verschiedenen Gebieten gearbeitet. Nachdem im Schuljahr 2011/12 Anthropologie, Epistemologie  und Entwicklungspsychologie bearbeitet wurden, widmete man sich 2012/13 der Didaktik und der historischen Verortung der Waldorfpädagogik in der Reformpädagogik. Aus der Arbeit der Kolloquien wird ebenfalls eine Publikation entstehen, voraussichtlich 2015.

Im Vorblick auf das Jahr 2019 und den einhundertsten Geburtstag der Waldorfpädagogik hat sich außerdem eine Arbeitsgruppe mit der Frage beschäftigt, welche Grundlagen von Seiten der Forschung für dieses Jubiläum bereit gestellt werden müssen. Dazu sind inzwischen einige größere Forschungsaufträge vergeben worden: Unter anderem wird eine Geschichte der Waldorfpädagogik entstehen, die sowohl die Entwicklung im deutschsprachigen Raum als auch die weltweite Entwicklung darstellen wird. Außerdem wird eine fundierte Aufarbeitung der Konferenzen der Lehrer mit Rudolf Steiner vorgenommen und eine Darstellung der Impulse der ersten sechs Jahre Waldorfpädagogik aus heutiger Sicht versucht.

Neben den Projekten, die den Dialog mit der Erziehungswissenschaft fördern sollen, gibt es in der Pädagogischen Forschungsstelle auch eine größere Zahl von Projekten, die sich entweder um methodische, didaktische oder inhaltliche Themen aus einzelnen Fächern bemühen oder allgemein die Arbeit der Kollegen an den Schulen unterstützen sollen. Als Beispiel soll ein größeres Projekt zur Eurythmiepädagogik kurz erwähnt werden, das unter der Federführung von Prof. Stefan Hasler von der Alanus Hochschule durchgeführt wird. An ihm war auch Prof. Charlotte Heinritz beteiligt, die im Juli 2013 verstorben ist. In dem ersten Projektteil, der im Frühjahr 2014 als Buch erscheinen wird, haben sieben Eurythmiepädagogen ihren eigenen Unterricht unter selbst gewählten Fragestellungen Praxisforschung betrieben.

Die Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, waren Inhalt eines größeren Kolloquiums im September 2012 und eines Berichts auf der Mitgliederversammlung der Pädagogischen Forschungsstelle im November 2012. Es war unmittelbar feststellbar, wie intensiv sich durch diese Arbeit die Qualität des Unterrichts verändert hat und die SchülerInnen deutlich engagierter eingestiegen sind. Allen Beteiligten wurde sehr deutlich, dass hier im Fachbereich Eurythmie etwas probiert wurde, was im Grunde auf alle Fächer übertragbar ist.

Unter den weiteren Publikationen der Forschungsstelle, die in diesem Jahr neben den schon erwähnten herausgekommen sind, ist insbesondere das Buch Trau deinen Augen (Hrsg. Wolfgang M. Auer) zu erwähnen. Es beleuchtet in einer Reihe von Beiträgen von Waldorflehrern und –dozenten die Themen der Kunstbetrachtungsepochen der vier Oberstufenklassen in vielen Dimensionen.

Auf der Leipziger Buchmesse, wo die PäFo seit drei Jahren an den Foren für Lehrerfortbildungen beteiligt ist, wurde dieses Buch bei einer Veranstaltung mit Autorin Gabriele Hiller vorgestellt. Ein weiteres Forum auf der Messe befasste sich mit dem Geschichtsunterricht an der Waldorfschule. Mitautor Thomas Voss stellte hier das Buch Göbekli Tepe  vor, das sich mit der Sesshaftwerdung der Menschheit beschäftigt. Mitautoren sind Sibylla Hesse und Michael Zech. (siehe dazu auch Text S.  – hier kommt die PI mit dem Foto hin -) In dieser Reihe zu den Geschichtsepochen der Waldorfschule (insbes. 10. Klasse) mit dem Titel Gestalten und Entdecken ist jetzt ein weiteres Buch erschienen, das den  Bewusstseinswandel des Menschen vom Paläolithikum zum Neolithikum beleuchtet. Autor ist Martyn Rawson.

Christian Boettger, Geschäftsführer des BdFWS

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Jahresbericht 2012: Neue Publikationen sollen Dialog mit der Erziehungswissenschaft fördern

Die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen (BdFW) hat die Aufgabe, Dialog und Forschung über Waldorfpädagogik zu fördern. Außerdem ist die Forschungsstelle für viele Fortbildungsveranstaltungen des BdFW zuständig. Im Schuljahr 2011/12 wurden zwei wichtige Projekte gefördert, die den Dialog mit der akademischen Erziehungswissenschaft auf eine bessere Grundlage stellen sollen.

Dabei  handelt es sich um zwei Arbeiten von Dr. Volker Frielingsdorf, einmal den Reader Waldorfpädagogik kontrovers und den Forschungsbericht Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft. Der Reader mit insgesamt 33 Aufsätzen oder Buchauszügen namhafter Erziehungswissenschaftler ist im März 2012 bereits im Beltz-Juventa Verlag erschienen. Jedem der Texte ist eine knappe Hinführung zu dem entsprechenden Autor und seinem Werk vorangestellt, um vor allem Pädagogikstudenten die Orientierung zu erleichtern und sie zu motivieren, sich noch genauer mit dem Autor zu beschäftigen. Grundlage der Auswahl waren über 400 Texte oder Bücher.

Die Resonanz auf dieses Buch ist äußerst positiv, es wird von Seiten der akademischen Pädagogik begrüßt, dass die Forschungsstelle sich damit befasst, wie Theorie und Praxis der Waldorfpädagogik in der erziehungswissenschaftlichen Kommunikation aufgenommen werden. So schreibt z.B. Prof. Dr. Otto Hansmann von der pädagogischen Fakultät der Universität Bayreuth, der Reader dokumentiere diesen Prozess bis zum aktuellen Stand „eindrucksvoll und überzeugend“.

Der Forschungsbericht Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft von Dr. Volker Frielingsdorf  ist in einer vierjährigen Forschungsarbeit entstanden und erscheint im Herbst 2012 ebenfalls  im Beltz-Juventa Verlag. Er enthält einen chronologischen Abriss zum Dialog zwischen Waldorfpädagogik und Erziehungswissenschaften. In drei weiteren Kapiteln werden grundsätzliche Fragen anthroposophischer Pädagogik, die methodisch-didaktischen Grundlagen der Waldorfpädagogik und die Waldorfschulen im gesellschaftspolitischen Umfeld thematisiert. Die Schlusskapitel widmen sich Tendenzen und Desiderata der Forschung über Waldorfpädagogik. Das Projekt wurde von Prof. Dr. Wenzel Michael Götte, dem jetzt emeritierten Leiter der Freien Hochschule Stuttgart auf den Weg gebracht und intensiv begleitet. Ziel des Autors und der Pädagogischen Forschungsstelle ist es, mehr Unbefangenheit im Umgang mit den von Rudolf Steiner formulierten Grundlagen der Waldorfpädagogik zu schaffen – auch auf Seiten der akademischen Pädagogik.

Beide Publikationen sollen außerdem als Grundlage für das hochschul- und seminarübergreifende Forschungsprojekt zu aktuellen Fragen des erziehungs-wissenschaftlichen Dialogs dienen, das von Prof. Jost Schieren (Alanus Hochschule)  und Walter Riethmüller (Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart) initiiert worden ist. In diesem Rahmen befassten sich bereits drei Forschungskolloquien mit Ansätzen für einen möglichen Dialog innerhalb der Gebiete Anthropologie, Epistemologie und Entwicklungspsychologie. Für die nächsten zwei Jahre ist die Aufarbeitung weiterer Themengebiete geplant, nach den Treffen sollen Ausarbeitungen dazu entstehen.

Von den Neuerscheinungen der Pädagogischen Forschungsstelle seien hier beispielhaft die folgenden Publikationen erwähnt:

Rahel Uhlenhoff (Hrsg.): Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2011  

Das Buch wurde im November 2011 im Rahmen einer Feierlichkeit zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner und zum 120. Jahrestag seiner Dissertation „Wahrheit und Wissenschaft“ an der Universität Rostock vorgestellt. Neben Heinrich Schliemann wird Rudolf Steiner zu den bekanntesten Promovenden dieser Universität gezählt.

Ulrich Wunderlin: Lehrbuch der phänomenologischen Chemie Band 1 und 2. Edition Waldorf, Stuttgart 2011 und 2012  (mit 3 DVDs)

In Band 1 werden die Epochen der 7., 8. und 9. Klasse mit allen möglichen Experimenten und vielen Ausblicken auf chemische Prozesse im Alltag und in der Natur bearbeitet. Auf den DVDs sind  alle Versuche in kleinen Filmsequenzen zu sehen. Die Versuchsreihen bauen auf die von M. v. Mackensen, W. Schad und E. M. Kranich herausgearbeiteten Versuche für die Mittelstufe auf und bieten Klassenlehrern und Chemielehrern einen modernen und phänomenologisch fundierten Zugang zu den Epochen. Gleichzeitig ist das Buch auch für die Schüler selbst  konzipiert. Es ermöglicht ihnen ein selbstständiges Nacharbeiten und Vertiefen der Themengebiete. In Band 2, der 2012 erscheint, werden die Chemieepochen der Klassen 10, 11 und 12 behandelt.

Band 1 diente bei der Buchmesse in Leipzig 2012 als Basis für eine Veranstaltung des BdFWS  mit Autor Dr. Ulrich Wunderlin im Rahmen der Lehrerfortbildung der Messe.

Seit langem wurden schon die methodisch-didaktischen Hefte zum Fremdsprachenunterricht in der Waldorfschule erwartet. Sie kamen im September 2011 heraus. Es können bis jetzt die Themen Lektüre in der Mittelstufe (Heft 1)Wortschatzarbeit (Heft 2) und Technik des Übens (Heft 3) bestellt werden. Bei einer entsprechenden Nachfrage sollen weitere Themen bearbeitet und herausgegeben werden.

In der Reihe zum Geschichtsunterricht in der 10. Klasse ist das Buch Göbekli Tepe und der Prozess der Sesshaftwerdung von Sibylla Hesse, Thomas Voß und Michael Zech herausgekommen. Es zeigt in sehr eindrücklicher Weise, wie man den Methoden der modernen Archäologie folgen und gleichzeitig die Hinweise Rudolf Steiner einbeziehen und so zu spannenden Schlussfolgerungen über die Entwicklung der Menschheit kommen kann.

Das neue Buch von Astrid Lütje, Motive aus Ostasien unterstützt den Kulturkundeunterricht der 12. Klasse. Hermann Rieth zeigt in seinem Buch zum Hausbau mit Kindern sehr fachkompetent alle Grundlagen des Bauhandwerks und stellt einen idealen Begleiter zu den Epochen in der 3. Klasse dar. Kompetenznachweis und Lernbegleitung in Waldorfschulen sowie dem EPC-Handbuch zum Europäischen Abschlussportfolio sind zwei weitere Neuerscheinungen von Frank de Vries und Thilo Koch.

Christian Boettger, Geschäftsführer des BdFWS

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Jahresbericht 2011: Prof. Zanders Opum Magnum zur Anthroposophie bekommt Konkurrenz

Die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen (BdFW) versteht sich als Einrichtung, die den Dialog über Forschung organisiert und fördert. Zu ihrem Netzwerk gehören  Mitarbeiter verschiedener waldorfpädagogischer Einrichtungen z. B. in Kassel, Stuttgart, Mannheim oder auch in Wilton/NH/USA. Beraten und unterstützt werden vor allem Forschungsprojekte, die unmittelbar von den Waldorfschulen und ihren Lehrern verwendet werden können.

In den letzten Jahren wurden pro Jahr etwa 50 Projekte bearbeitet, von denen etwa 20 jeweils neu beschlossen oder beendet worden sind. Ungefähr die Hälfte der Projekte mündete in Buchpublikationen, die über den Internetshop www.waldorfbuch.de zu beziehen sind. Ein Teil der Neuerscheinungen geht auf die Arbeit der Waldorfkollegen im Kasseler Seminar zurück. Die andere Hälfte der Projekte sind Forschungsarbeiten, die sich auf pädagogische Grundlagenthemen, auf methodisch-didaktische Fragestellungen und auf die Lehrmittelherstellung beziehen. Neben diesen Projekten unterstützt die Pädagogische Forschungsstelle viele Fortbildungen des BdFW durch aktive Organisations- oder Seminararbeit; auf den entsprechenden Tagungen ist sie mit Büchertischen präsent.

Im Schuljahr 2010/11 bildeten zwei Projekte einen Schwerpunkt, zum einen die Arbeit am Reader und Forschungsbericht Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft, zum andern das von der Autorin Rahel Uhlenhoff verantwortete Projekt Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Die Herausgabe des Readers mit insgesamt 33 Aufsätzen oder Buchauszügen namhafter Erziehungswissenschaftler wurde abgeschlossen. Er wird noch 2011 im Beltz Verlag erscheinen. Zurzeit laufen die Lektorats- und Layoutarbeiten und die Einholung der Abdruckrechte. Jedem der 33 Quellentexte ist eine knappe Hinführung zu dem jeweiligen Autor und seinem Werk vorangestellt. Das soll insbesondere Pädagogikstudenten und interessierten Lehrern die Orientierung erleichtern und dazu animieren, sich noch genauer mit dem betreffenden Autor zu beschäftigen. Grundlage der Auswahl waren über 400 Texte oder Bücher.

Bei der Auswahl der Autoren wurde Wert darauf gelegt, dass sowohl Befürworter als auch Kritiker der Waldorfpädagogik zu Wort kommen. So entsteht ein nuancenreiches Bild der Waldorfpädagogik. Einseitige Sichtweisen relativieren sich und die teilweise schwer zugänglichen Texte können einen Einblick in die Diskussion um die Waldorfpädagogik in den letzten 50 Jahren vermitteln. Die Pädagogische Forschungsstelle hofft, dass mit dieser Publikation deutlich gemacht wird, dass die Waldorfschulbewegung den Dialog mit der Erziehungswissenschaft sucht und dass sie Fragen, die an ihre Pädagogik gestellt werden, ernst nimmt.

Das zweite große Projekt von Rahel Uhlenhoff wird im Herbst im Berliner Wissenschaftsverlag als ein umfangreiches Buch erscheinen. Seit 2008 arbeiten in diesem Projekt 18 Autoren an Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart und wollen versuchen, damit einen Beitrag zum Dialog zwischen akademischer und anthroposophischer Wissenschaft zu leisten. Man kann nun feststellen, dass mit diesem Buch ein großer Schritt gelungen ist und es Akademikern wie auch Laien eine systematische Einführung in die Kontexte, Genese, Idee und Wirkungsgeschichte der anthroposophischen Philosophie und ihrer Praxisfelder bietet.

Das Werk gliedert sich in vier Bereiche. An eine Methodenreflexion im ersten Teil schließt sich im zweiten Teil die Ideengeschichte der Anthroposophie an. Der dritte Teil geht auf das Verhältnis von Theosophie und Anthroposophie und die Geschichte der Anthroposophie von 1900 bis 1990 ein. Der vierte und umfangreichste Teil widmet sich der Entwicklungsgeschichte der Praxisfelder: Kunst, Pädagogik, Heilpädagogik, Medizin und dem Sozialimpuls.

Neben das umfangreiche und viel diskutierte Buch von Prof.Helmut Zander „Anthroposophie in Deutschland“ aus dem Jahr 2007 tritt damit eine zweite umfassende Publikation zum Thema Anthroposophie, die von der akademischen Welt zur Kenntnis genommen werden wird.

Von den Büchern, die im letzten Schuljahr von der Pädagogischen Forschungsstelle herausgegeben wurden, seien hier insbesondere erwähnt (zu den anderen Neuerscheinungen siehe www.waldorfbuch.de):

Prof. Walter Hutter mit dem Buchtitel Mathesis. Der Autor zeigt in diesem Buch eine tiefe menschenkundliche und philosophische Begründung methodischer und didaktischer Fragestellungen aus dem Bereich der Mathematik der Oberstufe.

Ein ganz ähnliches Thema hat Jörg Soetebeer in seinem Buch Selbsttätige Bildungskraft heute aufgegriffen. Anhand der inneren Biographie Friedrich Schillers geht Soetebeer der Frage nach, wie die ideellen Spielräume in Lyrik, Epik, Dramatik und philosophischer Betrachtung letztlich in ein Programm ästhetischer Bildung und Selbstbildung des Menschen münden können.

Ein Bestseller im Programm von waldorfbuch.de war auch die neue DVD Das kreative Universum von Rüdiger Sünner, die insbesondere durch die intensive Mitarbeit von Hansjörg Hofrichter fertig gestellt wurde. Sie wurde im letzten Schuljahr knapp 2000mal gekauft. Bei öffentlichen Kinoaufführungen wurde dieser Film in Berlin und Hamburg gezeigt. Sünner geht darin der Frage nach, inwiefern die interessantesten Querdenker unserer Zeit innerhalb der Naturwissenschaften einen Freiraum für die Annahme des „Göttlichen“, „Heiligen“ oder „Transzendenten“ lassen und was diese Freiräume für unsere Zukunft bedeuten könnten.

Hansjörg Hofrichter widmete sich außerdem der Neuherausgabe des Erstlesebuchs für die Waldorfschulen Der Sonne Licht. Nun liegt dieses Buch als Normal- und als Prachtausgabe in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung im Mellinger Verlag vor.

Christian Boettger

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Jahresbericht 2010: Dialog im Vordergrund

Die Pädagogische Forschungsstelle versteht sich als ein Netzwerk von Forschungseinrichtungen in dem die Standorte in Kassel, Stuttgart, Mannheim mit anderen Hochschulen oder Forschungseinrichtungen (Dazu gehören seit langem das Research Institut in den USA und die Alanus Hochschule in Alfter) projektbezogen zusammenarbeiten. Insbesondere berät, fördert, unterstützt und begleitet der Beirat abnehmerrelevante also für die Lehrer und Schulen direkt verwendbare Forschungsleistungen. Insofern dient die Pädagogische Forschungsstelle mehr als „Forschungsdialogstelle“ denn als eine vom Bund der Waldorfschulen betriebene Forschungseinrichtung. Diese Standortbeschreibung ergab sich im Laufe des vergangenen Jahres in einer Beratung mit der Bundeskonferenz und soll am Anfang des kurzen Beitrags zu der Arbeit in diesem Bereich stehen.

Einige Forschungsprojekte

Zurzeit läuft unter anderem ein Projekt zur Waldorfpädagogik in der wissenschaftlichen Forschung. Seminare und Hochschulen benötigen für ihre Studenten einen leicht zugänglichen Überblick über relevante wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Waldorfpädagogik. Im Jahr 2011 werden der Forschungsbericht, ein Reader und eine ausführliche Bibliographie, die in eine leicht zugängliche Datenbank eingearbeitet wird, entstehen. Die Lehrplankommission Geschichte arbeitet an einem kommentierten Literaturverzeichnis für den Unterricht in der Mittelstufe und veröffentlichte 2009 und 2010 mehrer Bücher in der Reihe: „Geschichte gestalten und entdecken“ für den Unterricht in der 10. Klasse (Der Kulturmensch der Urzeit, Die Kelten, Die Durchlichtung der Welt), die aber auch für die Vorbereitung von Klassenlehrerinnen in entsprechenden Themen wertvoll sein können. Im naturwissenschaftlichen Bereich konnten die Kollegen aus Kassel einen Mikrowellendetektor und ein Lehrgerät zur Demonstration der Faxübertragung entwickeln und letzteres patentieren lassen.

Veröffentlichungen

Neben der Begleitung von Forschungsvorhaben sind seit unserem letzten Bericht etwa 25 neue Bücher und Broschüren teilweise in Zusammenarbeit mit dem Verlag Freies Geistesleben erschienen. Einige seien hier besonders erwähnt: Im Bereich der Fremdsprachenlektüren haben wir mit den vier von Natalie Plotkina für Oberstufenklassen bearbeiteten Romanen und Erzählungen russischer Dichter ein sehr ansprechendes Angebot für den Russischunterricht ergänzt. Helga Daniel hat mit ihrem zweiten Buch: Übung macht den Meister wichtige Hinweise für den Eurythmieunterricht in der 5. – 8. Klasse zusammengestellt und damit den Fortsetzungsband zu Bewegt ins Leben geliefert. Sehr glücklich sind wir auch, dass unser Kollege Alexander Stolzenburg im letzten Jahr aus seiner reichen Erfahrung das seit langem erwartetet Buch Projektive Geometrie fertig gestellt hat. Es ist ein sehr anspruchsvolles Buch, das für Mathematiklehrer und Interessierte viele Anregungen gibt dieses für Waldorfschulen ganz besondere Fach zu erweitern und zu vertiefen. Für den Deutsch und Geschichtsinteressierten sei auf das bis jetzt zu wenig beachtete Büchlein: Schillers Geschichtsdramen von Christine Krüger aufmerksam gemacht, in dem sehr spannend beschrieben wird, wie Schiller in dieses Dramen Themen seiner eigenen Biographie und seiner Beschäftigung mit politischen und Gesellschaftlichen Themen künstlerisch dramatisch umgesetzt hat. Und auf das Buch von Holger Grebe: Dem Zeitgeist auf der Spur in dem er mehrere Themen aus dem Oberstufenunterricht in Deutsch und Geschichte in den zeitlichen Kontext stellt. Als ein wirkliches Highlight für den Physikunterricht soll hier die DVD: Monochromatische Schattenstrahlen erwähnt werden, die Prof. Grebe-Ellis in Zusammenarbeit mit Matthias Rang angeregt durch Experimente von Peer Sallström hergestellt hat. Es werden Experimente aufbauend auf Goethes Experimenten Polarität des Spalt und Stabspektrums gezeigt, die in der Schule nur sehr kostenaufwendig aufgebaut werden könnten.

Ganz besonders möchten wir auf das Heft „Waldorfschulbauten im Wandel“ hinweisen, das zeigt, wie sich die Architektur unserer Schulen, die über Jahrzehnte als eines der Alleinstellungsmerkmale galt in den letzten 10 Jahren hin zu transparenten, offenen, Gebäuden entwickelt haben, die in der Regel immer noch eindeutig als Waldorfschulen erkennbar sind. Das Heft zeigt 30 Schulbeispiele aus ganz Deutschland und gibt darüber hinaus einen fundierten Einblick in die Geschichte organischen Bauens.

Mit dem Buch: Ich bin Du, das inzwischen in vielen Waldorfschulen in den Konferenzen bearbeitet wird, gibt Anna Seydel aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen im Feld der Kinderbesprechungen viele, sehr hilfreiche und praxisnahe Hinweise für Kollegien sich das Feld der vertieften Kindererkenntnis wieder neu zu erarbeiten. Ein Thema das auch zunehmend von Kindergärtnerinnen in ihren Konferenzen bearbeitet wird.

Der Bereich Kindergarten ist durch die öffentliche Diskussion einem starken Wandel unterworfen. Insbesondere die Übergänge vom Kleinstkindesalter zum Kindergarten und vom Kindergarten in die Schule werden in neuen Veröffentlichungen aufgegriffen. Margarete Kaiser veröffentlichte das Buch: Übergang Kindergarten – Schule und ein Arbeitskreis zu diesem Thema legte die Leitlinien 0 – 3 vor, die unsere Reihe der Leitlinien Waldorfpädagogik in diesem Bereich ergänzen.

Und zu guter Letzt sei auf unser neuestes Buch verwiesen, das Malte Schuchardt mit Apollo und Dionysos vorgelegt hat. Er geht dieser Polarität in der bildenden und poetischen Kunst nach und zeigt, wie der Mensch im Spannungsfeld der Polarität sich entwickeln steigern kann. Ein Buch nicht nur für Deutsch und Kunstlehrer der Oberstufe, die entsprechende Epochen in der 11. Klasse geben, sondern auch ein Buch für allgemein und künstlerisch Interessierte Zeitgenossen.

Christian Boettger

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Forschungsprojekte

Die Forschungsstelle vergibt Forschungsaufträge an Dozenten der Waldorf-
lehrerseminare, an Waldorflehrer und an sonstige freie Forscher. Hier werden aktuelle Projekte präsentiert und Ergebnisse der Arbeiten vergangener Jahre zugänglich gemacht.

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Publikationen

Die Ergebnisse, die in der Pädagogischen Forschungsstelle erarbeitet werden, münden oft in Publikationen. Hier entsteht ein vollständiger Überblick über alle jemals bei der Pädagogischen Forschungsstelle erschienenen Publikationen.

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Service

Über den Servicebereich gelangen Sie in unseren Onlineshop und finden Links zu empfehlenswerten Internetseiten. Außerdem bieten wir vergriffene Publikationen und Klassen-
spiele zum Download an und bieten einen Überblick über Termine und Fortbildungen.

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