Journal für Waldorfpädagogik 09 - Juni 2026
Wussten Sie, dass Kinder in Indien die Zahlenfolge 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, … als »Fibonacci-Folge« kennenlernen, obwohl sie eigentlich als »Hemachandra-Folge« bezeichnet werden müsste? Der indische Mathematiker Hemachandra hat diese Zahlenfolge nämlich fast zwei Generationen vor Fibonacci entdeckt und beschrieben.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zahlendreieck, das auch indische Kinder als »Pascal’sches Dreieck« und nicht als »Meruprastara« – wie dieses Zahlengesetz in der indischen Prosodik noch heute genannt wird – kennenlernen. Dabei hat der indische Mathematiker Pingala diese Gesetzmäßigkeit rund 2000 Jahre vor Pascal beschrieben.
An diesen Beispielen weist Jessica Krause in diesem Heft, das der Horizonterweiterung gewidmet ist, auf Folgen des Kolonialismus hin, die auch auf dem vermeintlich wenig kulturabhängigen und wertfreien Gebiet der Mathematik wirksam werden: Krause trägt mit ihrem Aufsatz dazu bei, ein Bewusstsein zu schaffen für diese verschütteten Wissensschätze und neugierig zu machen darauf, wie im antiken Indien Mathematik und Poetik zusammengedacht werden konnten. Eine Erweiterung der Perspektive ergibt sich auch aus der Darstellung Mehyar Abbouds, der über arabische Musik und ihre Integration in den Waldorfunterricht schreibt.
Ruth Merz und Sibylla Hesse zeigen, wie sich im Geschichtsunterricht der Horizont weitet, wenn eine traditionell überwiegend patriarchal erzählte Geschichte durch geschlechtsspezifisch anders geprägte Perspektiven ergänzt wird: Plötzlich treten etwa die erheblichen Verdienste von Frauen in wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Bereichen zutage, die bisher nur deshalb im Dunklen blieben, weil kaum ein Fokus auf sie gerichtet wurde.
Waldorfpädagogik erhält ihre Aktualität und Frische zum einen, indem sie offen dafür bleibt, Neues und nie Dagewesenes zu entdecken. Zum anderen benötigt sie aber auch den »neuen Blick« auf das Gewordene, der sich durch die weltweite Verbreitung dieser Pädagogik und ihr Potential als zivilgesellschaftlicher Faktor in Migrationsgesellschaften ergibt. Zumindest ihrem Vermögen nach wird Waldorfpädagogik damit zu einem transkulturellen Phänomen.
Die hier versammelten Texte geben dazu Anregungen.
Rita Schumacher, Florian Stille
Inhalt:
ERWEITERUNG DES HORIZONTS
- Maria-Sibylla Hesse, Ruth-Stephanie Merz: Geschichtsunterricht an Waldorfschulen und die Genderperspektive – Konstruktion, Identität, Vielfalt und Empowerment
- Mehyar Abboud: Zwischen Maqam und Menschenkunde: Zur Verstetigung inter- und transkultureller Musikpädagogik an Waldorfschulen
- Jessica Krause: Sanskrit, Trommeln und der »wachsende Juwelenberg«
Die ausführliche Version dieses Artikels finden Sie als PDF-Datei hier:
Sanskrit, Trommeln und der „wachsende Juwelenberg“ (ausführliche Version) - Ulrich Kaiser: »Entdeckungsreisen« – Eine Intervention
FACHPÄDAGOGISCHE BEITRÄGE
- Petra Mühlenbrock: Uns ist in alten maeren ...
- Anette Sigler: Künstlerisches Gestalten im Handarbeitsunterricht als Methode
LEBENSBILDER
- Oswald Sander: Marianne Reiner (4. 4. 1934 – 24. 10. 2023)
- Oswald Sander: James Marryman Brian (15. 2. 1950 – 25. 1. 2025)
- Susanne Piwecki, Albert Schmelzer: Renate Brecht (13. 11. 1934 – 7. 9. 2025)
BUCHBESPRECHUNGEN
- Ulrich Kaiser: Bildungsaufstiege an Waldorfschulen von Christian Adams
- M. Michael Zech: Rudolf Steiner im Spannungsfeld von Freiheitsphilosophie, Menschenrechten, Nation und »Rasse« von Albert Schmelzer
- Ulrich Kaiser: Waldorfschule, Globalisierung und Postkolonialismus von Martyn Rawson und Frank Steinwachs (Hrsg.)
- Peter Baum: Projektive Geometrie von Alexander Stolzenburg
- Michael Hänel: Der ethische Universalismus von Marcelo da Veiga
- Lena Sternberg: Kontexte zum Atom – Wechselbezüge von Stoff und Form von Wilfried Sommer
- M. Michael Zech: Benjamin Franklin von Ernst-Christian Demisch
- Alain Denjean: Französischunterricht in den Klassen 1 – 4 von Siegmund Baldszun