BLICKWECHSEL #05

Ausgabe 01_2017

Johannes Denger, der sich über Jahrzehnte praktisch wie gedanklich mit der Frage von Behinderung und Menschsein auseinander gesetzt hat, stellt in dieser Ausgabe einige seiner ihm zentral wichtig gewordenen Motive zusammen, die Beweggründe, die ihn seine Arbeit mit den Kindern und Erwachsenen haben tun lassen.

Im ersten Teil (S. 8) geht es um Resonanz. Wenn wir die Kritik am „Höher-Schneller- Weiter“ teilen, so stellt sich natürlich die Frage, wohinein eigentlich gesellschaftlich integriert werden soll, um Inklusion zu erreichen. Wie können wir Lebenszusammenhänge gestalten, in denen sich die Menschen in Gemeinschaften gegenseitig so bestätigen, dass sie Selbstachtung durch Wahrnehmung und Anerkennung gewinnen und ihrerseits den anderen achten? Es geht um die Schule als Resonanzraum und die Orientierung am einzelnen Kind.

Teil II (S. 13) fragt nach dem Geist, der in der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen lebt, die ihre Rechte stärkt und eine Änderung unserer Haltung fordert.

Teil III (S. 17) rückt einen zentralen Gedanken der Heilpädagogik auf anthroposophischer Grundlage in den Mittelpunkt: Behinderung als Bedingung der Wesensoffenbarung des Menschen schlechthin. Wir sollten uns dadurch ermutigt fühlen, einerseits eine Haltungsänderung durch die menschenrechtliche Dimension von Selbstbestimmung und Teilhabe vollgültig anzustreben, andererseits vor der Offenbarung des individuellen Menschen mit und ohne ausgesprochene Behinderung nicht die Augen zu verschließen.

Teil IV (S. 22) macht auf eine grundsätzliche Problematik unserer Erkenntniskonstitution aufmerksam: Nicht nur sind wir zu Selbstbewusstsein erwachte Sonderlinge der Schöpfung, vielmehr sondern wir genauso im Denken und Welterkennen, zum Beispiel „behindert“ von „nicht behindert“. Wie können wir verhindern, dass die konstitutionell notwendig auftretende Diskrimination, das Unterscheidungsvermögen, zur Diskriminierung, zur Benachteiligung wird?

Im fünften Teil (S. 26) wird auf das von Rudolf Steiner unter anderem im Heilpädagogischen Kurs beschriebene zentrale und periphere Ich hingewiesen, wodurch verständlich wird, dass jeder Mensch das Problem Inklusion in sich selbst trägt, nämlich das zentrale und das periphere Ich miteinander zu verbinden. Durch das Nicht-Erkennen des peripheren Ichs wird der Teil weggelassen, der über den Leib den unbewussten, „schlafenden“, willenshaften Zugang zur uns umgebenden Wirklichkeit ermöglicht: das Ich, durch das wir uns in den Umkreis inkludieren.

Mit einer weiteren Denkgeste fragen wir in Teil VI (S. 29) nach einem Verständnis der Gesetzmäßigkeiten, die Bildung von Gesellschaft ermöglichen. Neue Gemeinschaft schließlich basiert auf einem scheinbaren Paradoxon, dem Pfingstgeheimnis: Die Individuen bilden Gemeinschaft, ohne dabei ihre Individualität zu verlieren. Es wäre die Gemeinschaft derer, die durch den Nullpunkt der Individualisierung gegangen sind, die die Einsamkeit zutiefst durchlebt und durchlitten haben und nun durch den sakramentalen Charakter der Begegnung neu Gemeinschaft bilden.

Das siebte Motiv (S. 34) beschreibt einen Übweg der Begegnung, um den anderen Menschen besser zu verstehen. Denn in der Begegnung von Mensch zu Mensch entscheidet sich letztlich, ob Inklusion gelingt oder nicht. Inklusion fordert nicht nur eine Bewusstseinswandlung, sie ist selbst aus einer Bewusstseinswandlung hervorgegangen. Alle diese Motive können wesentlich zu einer inklusiven Kultur beitragen. Da sie aber nicht an bestimmte Formen gebunden sind, sind sie für jede Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung hilfreich.

Das Interview (S. 36) zeigt beides, gelingende und misslingende Aspekte eines frühen inklusiven Versuchs, und ist dadurch besonders lehrreich.

Zum Schluss, nach so viel schwerverdaulicher Kost, eine kleine Glosse (S. 41) als Digestiv.

(Aus dem Vorwort zu Ausgabe 01_2017)

Titel BLICKWECHSEL #05
Untertitel Ausgabe 01_2017
Reihe Beiträge zu einer inklusiven Waldorfpädagogik
Autor Blaeser, Bärbel (Hrsg.) ; Bund der Freien Waldorfschulen e. V. (Hrsg.)
Verlag Pädagogische Forschungsstelle Stuttgart
ISBN 978-3-944911-44-1
Ausstattung PDF-Datei
Umfang 48 Seiten Seiten
Format DIN A4