Lehrplan für den Freien Religionsunterricht

an Waldorfschulen

Rudolf Steiner richtete mit Beginn der ersten freien Waldorfschule in Stuttgart im September 1919 den sog. freien Religionsunterricht für all die Schülerinnen und Schüler ein, die keinen von den Kirchen angebotenen Religionsunterricht besuchten.

Die Bezeichnung „freier christlicher Religionsunterricht“ stammt nicht von Rudolf Steiner. Er sprach in den Lehrerkonferenzen und seinen pädagogischen Vorträgen im In- und Ausland immer vom „freien“, d.h. nicht kirchlich- konfessionell gebundenen Religionsunterricht, zu ihm gehört keine religiöse Gemeinschaft. Dieser Religionsunterricht soll, was aller Unterricht anlegt, noch „religiös vertiefen“: „…man kann durch allen anderen Unterricht ein ganzer Mensch geworden sein – etwas braucht man dann noch,… um diesen ganzen Menschen wiederum in einer allseitigen Weise so in die Welt hineinzustellen, dass er seinem ihm eingeborenen Wesen gemäß in dieser Welt darinnen steht: die religiöse Vertiefung…Das haben wir als eine der bedeutsamsten Aufgaben des Waldorfschul – Prinzips zu erfassen gesucht“ ( GA 307, 15.8.1923 ).

1968 beschloss das Internationale Religionslehrergremium, diesen Unterricht „freien christlichen Religionsunterricht“ zu nennen, da sich damals die Waldorfschulbewegung massiven Angriffen ausgesetzt sah, sie sei „unchristlich“. Inzwischen ist die Situation eine völlig andere. Begriffe wie „Religion“ oder „christlich“ sind oft von vorneherein suspekt, der freie (christliche) Religionsunterricht droht als eine Art Konfession betrachtet zu werden. Das wäre ein großes Missverständnis. R.Steiners Ansatz, einen die Seelen nährenden, der Gemütsvertiefung und Pflege ethisch-sozialer Fähigkeiten dienenden Unterricht einzurichten, war und ist hoch modern. Ebenso der multiperspektivische Ansatz in der Oberstufe und das Kennenlernen aller Weltreligionen. Es geht – so R.Steiner – darum, alle Anlagen im Menschen auszubilden, so auch die religiösen. Das ist auf der ganzen Welt möglich. Deshalb hat sich das Internationale Religionslehrergremium entschlossen, den ursprünglich von Rudolf Steiner eingeführten Namen wieder zu verwenden.

Für das Internationale Religionslehrergremium

Elisabeth von Kügelgen

 

Übergeordnete Aspekte und allgemeine Unterrichtsziele

Ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Natur, den Mitmenschen und sich selbst bedingen Ehrfurcht und Respekt vor dem Leben in all seinen Erscheinungsformen. Diese können geweckt werden durch ein lebendiges Verhältnis zur Schöpfung. In den Erzählungen für die  Unterstufe stehen so erlebbare Weisheit in der Natur und Grundfragen des Menschseins im Mittelpunkt. Das Erleben einer religiösen Stimmung im Unterricht vermittelt Fähigkeiten wie Dankbarkeit, Empathie, und Achtung vor dem Göttlichen und dem Andern. Das sind soziale Fähigkeiten, die jedes soziale, ethische Handeln begründen. Eigenes und fremdes Handeln können auf jeder Altersstufe schon anfänglich reflektiert werden. Das Erkennen und Verstehen eigener und fremder Lebensweisen hilft den eigenen Standpunkt und andere, abweichende zu respektieren. In den oberen Klassenstufen hilft ein Kennen- und Verstehenlernen anderer Kulturen und Religionen bei einer selbständigen Urteilsbildung. Nur Toleranz und vorurteilsfreie Einsichten gegenüber anderen Wertehaltungen begründen ein Handeln aus eigener innerer Freiheit heraus. Religiöse Erziehung hat so das Ziel, eine eigenständige Orientierung für eine verantwortliche und sinnerfüllte Lebensführung zu entwickeln und führt nicht in ein vorgegebenes und tradiertes Bekenntnis.

Unter diesen Aspekten unterscheidet sich ein Lehrplan für den freien Religionsunterricht deutlich von einer reinen Stoffsammlung. Er muss sich vor allem an der jeweiligen Entwicklungssituation der Schüler orientieren und kann nur die Entwicklungslinien des Unterrichts schildern. Stärker als in anderen Fächern besitzt der Lehrer hier Gestaltungsfreiheit sich der Zeitsituation anzupassen und dabei auch eigene Möglichkeiten zu berücksichtigen. Die dargestellten Inhalte sind exemplarisch und können dem Lehrer Orientierung auf seiner eigenen Suche geben.

Gesichtspunkte und Leitmotive zum Unterricht 

R. Steiner wies darauf hin, dass die Dreigliedrigkeit des Menschen und seiner Seelenfähigkeiten auch in der  Ausbildung der religiösen Empfindungen ihren  menschenkundlichen Niederschlag finden und sich deutlich drei Phasen unterscheiden lassen.

Die erste Stufe bis zur 4. Klasse lehrt das Kind in Verehrung aufzuschauen zu den Schöpfermächten der Welt, die es als Leibeswesen dort sinnvoll hineingestellt haben. „ Der Tenor der ersten Stufe ist der, dass dem Menschen beigebracht werden sollte alles das, was kund werden kann vermittelst des Göttlichen in der Natur durch Weisheit.“ (R. Steiner, Konferenzen 26.9.19)

Auf der zweiten Stufe bis zur 8. Klasse erfährt das Kind, dass der Mensch nicht nur ein Raumeswesen ist, sondern sich als Zeitwesen in Entwicklung befindet durch ein zu ihm gehörendes, persönliches Schicksal. Im Erleben, dass ich durch meine Erfahrungen weiterkomme, kann ich mich mit Interesse den Mitmenschen zuwenden. „ Auf der zweiten Stufe ist die Umwandlung: der Mensch erkennt das Göttliche durch Weisheit allein nicht, sondern durch die wirkende Liebe.“ (R. Steiner, Konferenzen 26.9.19) 

Auf der dritten Stufe ab der 9. Klasse lernt der Schüler zu erkennen, dass sein eigenes Leben mit dem aller Menschen in Zeitgenossenschaft verbunden ist und er mit an der gemeinsamen Zukunft gestaltet. Ein junger Mensch kann daraus Ideale für sein eigenes Leben entwickeln, wenn in ihm mit warmer Anteilnahme ein klarer Blick für die Verhältnisse entsteht. Hinter den Angaben für den Lehrplan erkennt man die Qualitäten der göttlichen Trinität bezogen auf die drei Stufen.


Mögliche Unterrichtsinhalte für das 1.  und 2. Schuljahr

  • Göttliches Wirken in Natur und Schöpfung wird in Erzählungen über Pflanzen und Tiere erlebbar.
  • Die Lebenswelt des Kindes und seiner Mitmenschen: in Gesprächen, mit Bildern und Geschichten können die verschiedenen Rhythmen thematisiert werden, wie der Tageslauf (Wachen und Schlafen, Tageszeiten), der Jahreslauf (Naturgeschehen und Jahresfeste) und der Lebenslauf (Geburt, Altern und Sterben).
  • Durch Erzählungen und Bilder, oder auch szenischen Spielen wird vom Leben und Wirken der Heiligen, wie Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, Martin von Tour u.a. erfahren.
  • Geeignete bildhafte Erzählungen aus dem Neuen Testament und Kindheitslegenden Jesu vermitteln erste Kenntnisse der christlichen Ursprünge.

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 3. Schuljahr

  • Der thematische Schwerpunkt in dieser Klasse liegt in den Erzählungen des Alten Testamentes, wie der Schöpfungsgeschichte, dem Paradiesmythos, der Geschichte des Volkes Israel von Abraham bis Moses, den 10 Geboten oder der Geschichte des Tempelbaus. Vertieft werden kann diese Thematik durch szenische Spiele (Tobias, Hiob) oder Rezitationen von Psalmen.
  • Auch Schöpfungsmythen und Legenden anderer Völker und Kulturen können behandelt werden.
  • Die Schüler können die sinnstiftende, verantwortungsvolle und soziale Dimension der Arbeit durch die berufliche Tätigkeit der Handwerker und Bauern kennenlernen.  

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 4. Schuljahr

  • Das Thema des Alten Testamentes kann seine Fortführung finden durch das Buch der Könige und die Propheten.
  • Auch Mythen und Legenden anderer Völker können weiter behandelt werden
  • Was bedeuten Heimat und Fremde?
  • Die Fragen nach dem Glück und Glück im Unglück gehen über zu Fragen des menschlichen Schicksals. Erlebnisberichte aus den eigenen Familien können in den Gesprächen eine vertrauensvolle Atmosphäre bilden, die der Pflege bedarf.
  • Betrachtungen zu den Festeszeiten und ihren verschiedenen Bräuchen

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 5. Schuljahr

  • Fremde Völker und Kulturen kennen lernen, verstehen und respektieren
  • Der Bau des Salomonischen Tempels
  • Das Heilige Land
  • Die Geschichte des hebräischen Volkes (z.B. Franz Werfel, „Jeremias - höret die Stimme“)
  • Der Sagenkreis um die Ritter der Tafelrunde und des Heiligen Gral führt zu der Suche nach den christlichen Werten und bildet eine sinnvolle Überleitung zum Neuen Testament.

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 6. Schuljahr

  • Kennenlernen des Christentums in seinem historischen Kontext; römisches und jüdisches Leben zur Zeitenwende; die ersten Christen und ihre Verfolgung
  • Johannes der Täufer, die Jünger und die Apostel
  • Die vier Evangelisten und das Neue Testament (die Schule sollte einen Klassensatz haben)
  • Das Vaterunser in verschiedenen Sprachen (z.B.: lateinisch, griechisch), die die Schüler lernen
  • Klösterliches Leben und die Ordensgemeinschaften des Mittelalters
  • Beispielhafte Biografien ( z.B.: zu Leben mit Behinderung: Helene Keller, Christie Brown, „Mein linker Fuß“)

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 7. Schuljahr

 

  • Die Gleichnisse und die Heilungen im Neuen Testament
  • Kinderschicksale aus der sog. Dritten Welt
  • Kennenlernen der Arbeit von UNICEF und anderer Hilfsorganisationen
  • Jugend im außereuropäischen Raum (vgl. andere Religionen und Kulturen kennen lernen, ihre Rituale, Werte, Lebensweisen, Probleme heute)
  • Soziale Fragen: Armut und Reichtum, soziales Engagement (z.B.: Florence Nightingale, Mutter Theresa)
  • Eintreten für Freiheit und Gerechtigkeit (z.B.: Mahatma Gandhi, Martin Luther King).  Diese Fragen können auch anhand des eigenen Lebensumfeldes und eigener Erfahrungen besprochen werden
  • Herausforderungen durch das Schicksal, Schicksalsschläge und ihre Überwindung, Gesundheit und Krankheit
  • Mobbing als Gruppenproblem

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 8. Schuljahr

  • Vergleichende Betrachtungen zum Neuen Testament, Unterschiede in den Anfängen und Aufbau
  • Symbole des Christentums und der Apostel
  • Einsetzung des Abendmahles, Tod und Auferstehung in Neuen Testament und im menschlichen Leben. Bilder, die die Schüler in diesem Zusammenhang kennen lernen sollten sind der Grünewaldaltar in Colmar und Leonardos Abendmahl     
  • Der menschliche Lebenslauf und die Sakramente
  • M. Luther und die Reformation
  • Grundkenntnisse über die drei großen christlichen Konfessionen ( röm.-katholisch, evangelisch, orthodox)
  • Was ist Ökumene?
  • Die Gründung von „Weltethos“ (Küng u.a.)
  • Die Suchtproblematik: Rauchen, Drogen, Alkohol, Medien

 

Gesichtspunkte und Leitmotive zum Unterricht der Oberstufe  9. – 12. Klasse

Neben der Vertiefung der bisher erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse geht es  in der Oberstufe um die Entwicklung der eigenständigen Urteilsbildung. Das umfasst auch die Fähigkeit, sich in die Perspektive eines anderen Menschen, einer fremden Kultur oder Religion hineinzuversetzen, ohne den eigenen Standpunkt dabei zu verlieren (Toleranz). Auf die in der Unter- und Mittelstufe behandelten Themen, Aspekte und Zusammenhänge kann dabei in der Form des Vergleichs und des Überblicks Bezug genommen werden. Der kritische und kreative Umgang mit Texten kann dabei hilfreich sein.

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 9. Schuljahr

  • Grenzerfahrungen im menschlichen Leben: Koma, Nahtoderlebnisse, unheilbar krank, Umgang mit Sterbenden,  Hospizarbeit, Umgang und Rituale mit dem Tod, Suizid, Umgang mit Trauer und Schmerz
  • Biografische Berichte, z.B. Kübler-Ross, Tiziano Terzani u.a.
  • Die Apostelgeschichte nach Lukas, Ausbreitung des Christentums, Paulus, das Damaskuserlebnis des Paulus ( siehe auch die Berichte von z.B. George Ritchie oder Eben Alexander „Blick in die Ewigkeit“)

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 10. Schuljahr

  • Sekten heute, Erarbeitung von Kriterien zur Beurteilung von Sekten
  • Ketzerbewegungen des Mittelalters
  • Die großen christlichen Konfessionen; die römisch-katholische Kirche, die evangelische Kirche, die russisch-orthodoxe Kirche
  • Andere religiöse Glaubensgemeinschaften
  • Ordensgemeinschaften
  • Der Einzelne und die Gemeinschaft (vgl. Max Frisch, „ Andorra“)

Grundfragen der Ethik:

  • Philosophische Ethik
  • Praktische Ethik, ethisches Handeln
    Beispiele aus dem Alltag, dem sozialen Bereich (Pflege u.ä.), der Gesellschaft
  • Peter Singers „Praktische Ethik“ und der Vorwurf der Euthanasie
  • Aktuelle ethische Fragen heute: Sterbehilfe, pränatale Diagnostik, Stammzellen- Problematik, Klonen, Abtreibung, Organspende
  • Pro – Contra Babyklappe, Pro – Contra Todesstrafe u.a.
  • Recht und Gerechtigkeit

 

Mögliche Unterrichtsinhalte für das 11. und 12. Schuljahr

  • Schwerpunktthema dieser Klassenstufen ist die Behandlung der Weltreligionen. Dazu gehört ein Kennenlernen der historischen Entstehung, der Stifter, von Schriften und Lehre, kultischen Formen und Festen, Symbolen und des Gottesbegriffes. Unter diesen Aspekten sollten behandelt werden: Judentum, Islam, Christentum, Hinduismus, Taoismus, Konfuzianismus (chinesischer Universalismus)
  • Verbreitung  der Weltreligionen; Krisen und Konflikte heute (z.B.: der Islam und Europa, Migration; Palästina, Vorderer Orient)

Vergleichende Fragestellungen:

  • Umgang mit Schuld und Vergebung (z.B. S. Wiesenthal „Die Sonnenblume“, „Was hätten Sie getan?“)
  • Haltung zu Krieg und Frieden; was stiftet Frieden?
  • Toleranz – Gleichgültigkeit – Beliebigkeit (z.B. die Ringparabel von Boccaccio und von G.E. Lessing aus „Nathan der Weise“)
  • Freiheit und Determination
  • Darwinismus – Kreationismus, der Evolutionsgedanke
  • Menschenbilder im Vergleich und mögliche Konsequenzen für das eigene Handeln und die Gesellschaft

Literaturempfehlungen für das Fach „Freie Religion“ unter: http://www.paedagogik-goetheanum.ch/fileadmin/paedagogik/Artikel/Literaturliste_Religion2012.pdf

Titel Lehrplan für den Freien Religionsunterricht
Untertitel an Waldorfschulen
Autor Für das Internationale Religionslehrergremium Alexander Grabsch
Auflage 1. Auflage 2015 (im Layout überarbeitet)
Ausstattung PDF mit Lesezeichen
Umfang 5 Seiten
Format DIN A4
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