Geschichtsunterricht im Zeitalter der Globalisierung

Untertitel: eine kritische Untersuchung des Waldorfcurriculums vor dem Hintergrund der aktuellen Bildungsdiskussion (Dissertation)
Status: abgeschlossen
Startdatum: 06.09.2007
Enddatum: 31.05.2011
Projektträger: Pädagogische Forschungsstelle Kassel
Projektverantwortliche: Prof. Dr. Michael Zech

Mit der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, das Konzept des Geschichtsunterrichts an Waldorfschulen in Beziehung zum aktuellen geschichtsdidaktischen

Diskurs zu setzen. Diesem Unternehmen liegt die These zugrunde, dass unsere Lebenswelt heute maßgeblich durch Interkulturalität und Globalisierung geprägt ist. Insofern kann historische Orientierung sich noch weniger als früher auf den Nahraum beschränken, sondern muss die Vielartigkeit menschlicher Kulturen sowohl im zeitlichen Verlauf als auch in ihrem Nebeneinander potentiell mit einschließen. Die damit verbundene Anforderung, Kulturen weltweit in ihren historischen Dimensionen erschließen zu können, korrespondiert unseres Erachtens mit einem kompetenzorientierten Bildungsverständnis, weil Geschichte weniger denn je enzyklopädisch zu bewältigen ist, sondern nur durch die schulisch geförderte Entwicklung historischen Denkens, also durch den Aufbau historischer Kompetenz. Im geschichtsdidaktischen Diskurs um Kompetenzorientierung (und Bildungsstandards) wird die domänenspezifische Kompetenzdefinition aus den Bedingungen eines differenzierten und reflektierten Geschichtsbewusstseins abgeleitet. Dieser Zentralterminus der modernen Geschichtsdidaktik ist Ausgang und Anschlussstelle des Diskurses um Kompetenzdefinitionen. Der geschichtsdidaktische Diskurs um weltgeschichtliche Perspektivierung des Geschichtsunterrichts – mir scheint es sinnvoller von seiner Dimensionierung zu sprechen – wird einerseits mit den Orientierungsbedürfnissen in der global vernetzten Welt sowie den zunehmend supranationalen, also Völker übergreifenden politischen und ökonomischen Strukturen, andererseits mit den interkulturellen Nahbedingungen begründet. Sie erfordern die Notwendigkeit, Selbst- und Fremdverstehen dialogisch aufeinander zu beziehen, damit aber andere Denk- und Lebensweisen erschließen und in ihrer Eigenart achten zu können. Dieser Diskurs wird von den an ihm beteiligten Geschichtsdidaktikern aktuell sowohl auf die Erkenntnisse zur Bedeutung von Geschichtsbewusstsein als auch auf den Diskurs um Kompetenzbildung und Standardorientierung bezogen.

Für diese Arbeit bedeutet dies, die hier angesprochenen Felder der Geschichtsdidaktik in Verhältnis zum Unterrichtskonzept für Geschichte an den Waldorfschulen zu setzen, wobei dies mit einschließt, die Prinzipien des spezifischen Erziehungsansatzes der Waldorfschulen mit zu berücksichtigen, denn nur so kann die zentrale Bedeutung, die dem Geschichtsunterricht im Bildungskonzept der Waldorfpädagogik zukommt, in diese Untersuchung einbezogen werden. Da hier erstmals der Versuch unternommen wird, den Lehrgang bzw. Lehrplan für Geschichte im geschichtsdidaktischen Diskurs zu verorten, muss der Untersuchungsgegenstand selbst sowohl in historischer Dimension als auch in seiner Einordnung in das erzieherische Gesamtkonzept der Waldorfpädagogik differenziert erschlossen werden.

Markus Michael Zech: Der Geschichtsunterricht an Waldorfschulen. Genese und Umsetzung des Konzepts vor dem Hintergrund des aktuellen geschichtsdidaktischen Diskurses. Internationaler Verlag der Wissenschaften Peter Lang, Frankfurt/M., Berlin, Bern 2012


Fast 90.000 Schüler werden gegenwärtig in Deutschland an Waldorfschulen nach einem Geschichtslehrplan unterrichtet, der sich als Alternative zu den Curricula der Regelschulen versteht. Was aber leistet dieser welt- und kulturgeschichtlich orientierte Lehrplan mit seiner über 90jährigen Tradition im Zeitalter der Globalisierung? Wie verhält sich dieser Ansatz zu den modernen Bildungsanforderungen? Diesen Fragen geht der Autor in seiner Untersuchung nach, indem er das Konzept für den Geschichtsunterricht an Waldorfschulen vor dem Hintergrund des aktuellen geschichtsdidaktischen Diskurses um Weltgeschichte, Geschichtsbewusstsein und historische Kompetenz diskutiert. Dabei geht er ausführlich auf seine Genese, Struktur und Probleme ein und erschließt das Konzept so erstmals für die Erziehungswissenschaft bzw. Geschichtsdidaktik. Damit vermittelt er auch einen fundierten Einblick in das spezifische Lehrplan- und Bildungsverständnis der Waldorfschulen.


Inhalt: Geschichtskompetenz, Geschichtsbewusstsein, weltgeschichtliche Dimensionierung des Geschichtsunterrichts und die Bildungsanforderungen einer globalen Kultur - Lehrplangenese, Lehrplanverständnis und Lehrplanarbeit an Waldorfschulen – Der Geschichtslehrplan der Waldorfschulen - Der Geschichtsunterricht der Waldorfschulen zwischen Traditionsbindung, Beliebigkeit und aktueller Ausrichtung - Die Frage der wissenschaftlichen Fundierung des Geschichtsunterrichts der Waldorfschulen - Konzepttheoretische Untersuchung des Geschichtsunterrichts der Waldorfschulen und des ihm zugrunde liegenden Narrativs - Das Waldorfcurriculum für Geschichte und die Kompetenzanbahnung - Der Aufbau eines reflektierten und reflexiven Geschichtsbewusstseins an Waldorfschulen - Die welt- und menschheitsgeschichtliche Orientierung des Geschichtslehrplans der Waldorfschulen - Versuch einer geschichtsdidaktischen Verortung des Geschichtsunterrichts der Waldorfschulen - Desiderate einer theoretischen und empirischen Untersuchung des Geschichtsunterrichts der Waldorfschulen.