Aufschlüsse statt Abschlüsse! - Plädoyer für eine jugendgemäße Waldorfpädagogik

Untertitel: Perspektiven des Oberstufenunterrichts
Status: laufend
Startdatum: 01.09.2014
Enddatum: 31.08.2015
Projektträger: Pädagogische Forschungsstelle Stuttgart

Deutsch- und Geschichtslehrer an Waldorfschulen teilen vielfach das Schicksal ihrer Oberstufenkollegen: Je mehr sie sich als Teil eines Zuliefererbetriebs verstehen, dessen Ziel die optimale Vorbereitung staatlicher Abschlussprüfungen darstellt, desto mehr verlieren sie ihre eigentliche Mission aus den Augen: die Jugendlichen zu biografischen Aufschlüssen zu führen. Die Wege dorthin sind nicht breit und befestigt. Es sind Trampelpfade, ungesichert und tastend. Der Lehrer ist hier nicht mehr als Wissender gefragt, sondern als Begleiter. Schule wird zur offenen Werkstatt, in der wir weniger vermitteln als entdecken, weniger abschließen als aufschließen, weniger antworten als befragen. „Die Welt zum romantisiert werden“ – diese Forderung von Novalis vor über 200 Jahren kann man heute mit frischem Blick lesen. Wie geben wir dem Bekannten „die Würde“ des Unbekannten? Wie finden wir in der Begegnung mit den Jugendlichen, aber auch mit Sprache und Literatur die Quellen wieder, die uns in der Vorbereitung und im Erleben inspirieren und beflügeln? Wie üben wir uns darin, den kulturellen Habitus der Ergebnisorientierung abzustreifen und mehr auf die Qualität von Prozessen im Lernen und Gestalten zu achten?

Ausgehend von Jost Schieren Diktum, Waldorfpädagogik sei im Kern eine „Ich-Pädagogik“, sollen im ersten Teil Aspekte des menschlichen Ichs aus der Kulturgeschichte der letzten 200 Jahre, aber auch aus der Sinneslehre (Ich-Sinn als Teil der oberen vier Sinne des Menschen) und einem Verständnis von Lernprozessen als Lebensprozessen herausgearbeitet werden. Dabei möchte ich vor allem Ansätze des Dichters und Philosophen Novalis aus seinem aphoristischen Werk verfolgen. Dessen Denksätze wie die „Vermischten Bemerkungen“ von 1797/98 (von Schlegel im April 1798 unter dem Titel „Blüthenstaub“ veröffentlicht) sind inhaltlich und methodisch interessant. Sie umkreisen in der Nachfolge Fichtes die Idee eines universalen Ich und die Idee der Selbsttätigkeit im Denken. Zugleich rufen sie im Leser als beweislose und nicht-systematische Kurztexte auch eine bestimmte Form des Erkennens hervor. Obwohl das ganze Werk von Novalis Fragment-Charakter hat – also nicht auf Abgeschlossenheit, Vollendung und Endgültigkeit hin angelegt ist – kommt diesem systemlosen Denken (Novalis gebraucht den Begriff der „Ideenparadiese“) im Selbstverständnis der Waldorfpädagogik eine besondere Bedeutung zu. Lässt sich aus Novalis Verständnis der menschlichen Individualität ein besonderer Kompetenzbegriff ableiten? Lässt sich aus Novalis Bildungsverständnis eine Qualität entwickeln, die wir für die Gestaltung der Oberstufe an Waldorfschulen brauchen? Mein Ziel ist es, den Fokus der Aufmerksamkeit von der im staatlichen Prüfungswesen verbreiteten Ergebnisorientierung wegzunehmen und mehr auf eine Prozessorientierung zu verschieben, wie sie nach Schieren der Waldorfpädagogik innewohnt. Im Hauptteil soll dieser offene Bildungsbegriff mit unterrichtspraktischen Erfahrungen und Anregungen verknüpft werden, die den aufschließenden Charakter der Waldorfpädagogik (evtl. fächerübergreifend, im Schwerpunkt aus dem Deutsch- und Geschichtsunterricht) deutlich machen. Untersuchungsbereiche könnten sein:

mündliches Erzählen. Nach Robert McKee ist das Erzählen die „Hauptinspirationsquelle der Menschheit“. Ab der ersten Klasse kommt dem Erzählen an der Waldorfschule eine besondere Bedeutung bei, ohne dass es bisher eine Didaktik des Erzählens in der Oberstufe gibt. Für die Pflege mündlichen Erzählens und einen zeitgemäßen Umgang mit den Elementen des Mythos sollen Anregungen gegeben werden.

Portfolio-Kultur in der Oberstufe. In Weiterführung der Ansätze von Rüdiger Iwan sollen Erfahrungen mit offenen Lernformen geschildert und evaluiert werden. Ein besonderer Blick soll dem Thema „Von der Fremdbewertung zur Selbstbewertung“ gewidmet sein. Dabei sollen auch Tendenzen des aktuellen Prüfungswesens in Baden- Württemberg zur Sprache kommen.

Lernen durch Identifikation. Als Ergänzung zu den herkömmlichen analytischen Lernformen, die dem Heranwachsenden eine Distanz zur Welt abverlangen, sollen identifizierende Lernhaltungen, wie sie etwa im szenischen Spiel seit langem zum festen Bestandteil unserer Oberstufe gehören, untersucht werden. Dabei geht es nicht um Bühnenkunst, sondern um „Kleinformen“, wie sie im Deutsch- und Geschichtsunterricht anwendbar sind.

Schließlich soll ein Blick auf das Selbstverständnis und die Selbst-Entwicklung des Oberstufenlehrers geworfen werden – ausgehend von den „Lehrertugenden“, die Rudolf Steiner gegeben hat. Auch hier geht es darum, ein Bewusstsein auszubilden, das es ermöglicht, im Alltag die Qualitäten des eigenen Tuns wahrzunehmen und weiter zu entwickeln. Martyn Rawson hat diesen Bereich „Praxisforschung“ genannt. Hier könnten auch Erfahrungen im Anschluss an die Mentorenausbildung (Pietschmann/Krakow) einfließen, die ich 2012/13 durchlaufen habe.